Das Projekt „Ich bin relevant“ nennen Sie ein Herzensprojekt.
Warum? Worum geht es?
Die Fotografie ist für mich viel mehr als ein Beruf, sie ist meine zweite Sprache, Zufluchtsort, Kraftspender und Inspirationsquelle. Wenn ich nicht die richtigen Worte finde als Reaktion auf die Welt, greife ich zur Kamera. So geschah es auch im Jahr 2021, als mein Herzensprojekt „Ich bin relevant“ geboren wurde. Es war meine persönliche Reaktion auf die Ohnmacht und Leere, die ich als Fotografin und Künstlerin während der Corona-Krise oft empfand. Viele einzigartige und kreative Menschen bangten während der Lockdown-Perioden nicht nur um ihre Existenz, sondern zweifelten ihr gesamtes Sein an. Denn sie - wir - wurden als „nicht relevant für das System“ bezeichnet. Das auch 2023 noch fortlaufende Projekt erzählt in Bild und Text die Geschichten der mit diesem Stempel versehenen Personen, die gar nicht bzw. nur sehr eingeschränkt ihren Berufungen nachgehen durften. Menschen, die übersehen wurden, obwohl sie immens wichtig für unsere Gesellschaft sind. Einzigartige Persönlichkeiten, ohne die es einfach nicht geht. Wir alle haben eines gemeinsam: Wir sind zwar offiziell nicht systemrelevant, aber unverzichtbar!
Wie haben Sie die im Projekt porträtierten Menschen gefunden? Sind berühmte Namen dabei?
Das Projekt ist ein wundervoller Mix aus Freundinnen und Freunden, aus Menschen, die ich auf gut Glück angeschrieben habe oder die mir empfohlen wurden und aus Persönlichkeiten, die mich angefragt haben, ob sie teilnehmen könnten. Sie alle sind mir während unserer gemeinsamen Sessions sehr ans Herz gewachsen.
Gibt es so etwas wie einen gemeinsamen Gesichtsausdruck der beteiligten Menschen, der sich als roter Faden durchs Projekt zieht? Was eint alle ausgestellten Porträts?
Um ein einheitliches Gesamtbild der Serie zu erreichen, ist der Gesichtsausdruck aller Portraitierten ernst, sie tragen alle schwarze Kleidung und halten Accessoires in den Händen, die symbolisch für ihre Tätigkeit stehen. Der Hintergrund jedes Portraits ist schwarz, die Beleuchtung besteht aus einer Lichtquelle.
Eine generelle Frage an die Fotografin: Haben Sie eine Philosophie?
Wer andere begeistern will, muss selbst begeistert sein.
Mich begeistern Geschichten! Deshalb liebe ich das Theater, deshalb lese ich, deshalb habe ich mich als Fotografin auf Menschen spezialisiert. Jeder Mensch ist ein wandelndes Gesamtwerk an vielfältigen und bunten Geschichten. Geschichten, die ich mit meiner Kamera, in vielen wundervollen Begegnungen, durch Licht und Schatten, Farbe und Form, Perspektive und kreative Fühlfalt erzähle. Mit meinen Bildern möchte ich zeigen: Ich sehe dich. Schön, dass es dich gibt. Du bist großartig, so, wie du bist! Das ist meine Art, anderen Menschen zu zeigen, dass ich sie wertschätze. Das ist, neben meiner wundervollen Familie, mein ganz persönliches „Warum“. Und ich empfinde das Leben als wesentlich leichter, wenn man sein Warum gefunden hat.
Vielen Dank für das tolle Gespräch, lieber Mathias Schulze.
FRIZZ - das Magazin für Halle | Ausgabe Mai 2023 | www.halle-frizz.de